Champions League: Darum erlebte Dortmund ein Desaster

Wo kaum Platz ist für Hoffnungen, hilft Optimisten nur der Glaube an ein „Wunder“ weiter. Sebastian Kehl, der Leiter der Dortmunder Lizenzspielerabteilung, gilt als ein Fußballanalytiker mit dem nüchternen Blick auf das, was er auf dem Platz gesehen hat. Am Mittwochabend aber schwankte der Kapitän der BVB-Meistermannschaft von 2011 und 2012 zwischen schonungsloser Spielanalyse und dem mit dem Mut der Verzweiflung beschworenen Mirakel für das Rückspiel am 5. März. 

Roland Zorn

„In Dortmund“, sagte Kehl am Abend seines 39. Geburtstages, „kann das eine oder andere Wunder passieren.“ Darauf vertrauen mochte er aber beim Blick zurück auf die desillusionierende 0:3-Niederlage der Borussia im Achtelfinal-Hinspiel der Champions League bei Tottenham Hotspur nicht. Zu wenige Indizien sprachen nach einer ordentlichen ersten und desaströsen zweiten Hälfte im Londoner Wembleystadion für den angeknockten Tabellenführer der Bundesliga. Der BVB bekam zum dritten Mal nacheinander drei Gegentreffer eingeschenkt und ließ, als es galt, eben jene Robustheit vermissen, mit der sich die Spurs dank ihres physisch starken Auftritts nach der Pause von den Westfalen absetzten.

Als der Tabellendritte der Premier League die Muskeln spielen ließ, knickte der deutsche Klassenprimus ein. Son Heung-mins Treffer zum 1:0, als Hakimi den Ball verlor, Vertonghen vor das Tor flankte, Zagadou nicht abwehrbereit war und der Koreaner volley das Führungstor für sein Team schoss (47. Minute), erschütterte die in der ersten Hälfte souverän verteidigenden Dortmunder so nachhaltig, dass sie danach nicht mehr auf die Beine kam. Der Marokkaner Hakimi, als Rechtsverteidiger ein Sicherheitsrisiko für die eigene Mannschaft, war bei Vertonghens 2:0 (83.) nicht zur Stelle, und Diallo ließ den eben eingewechselten Llorente bei dessen Kopfball zum 3:0 gewähren (86.).

Es war eine furchtbare zweite Hälfte, die sich der BVB geleistet hatte gegen ein Team, dessen Brillanz ohne die verletzten Superstars Harry Kane und Dele Alli überschaubar blieb. Die Wucht indes, die Tottenham in den zweiten 45 Minuten entwickelte, streckte die Dortmunder zu Boden. „Wenn es gegen robuste Gegner geht“, kritisierte Torwart Roman Bürki seine Kollegen, „haben wir unsere Probleme, weil wir nicht dagegenhalten können. Es ist jetzt schon seit mehreren Wochen so, dass wir die Standards und Flanken nicht gut verteidigen. Wir setzen uns einfach zu wenig durch und sind zum Teil nicht aufmerksam.“

Die Dortmunder Defensive, im ersten Saisonteil ein Prunkstück des Borussen-Aufschwungs, ist porös geworden, nachdem sich Abwehrchef Akanji und sein Kompagnon Zagadou wochenlang mit Verletzungen herumplagten. Der zuverlässige Rechtsverteidiger Piszczek steht im Moment wegen einer Fersenblessur auch nicht zur Verfügung wie der an einem grippalen Infekt erkrankte Aushilfsinnenverteidiger Weigl, der nicht mit nach London reisen konnte.

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