Großzügiges Russland: Moskau erklärt die Beutekunst-Diskussion für beendet

Der russische Kulturminister Wladimir Medinski hat den Wunsch der deutschen Seite, weiter über nach dem Zweiten Weltkrieg nach Russland verbrachte Kulturgüter zu verhandeln, kategorisch zurückgewiesen. In einer seitenlangen Erklärung in der Regierungszeitung „Rossijskaja gaseta“ definiert Medinski die nach 1945 aus Deutschland abtransportierten Kulturschätze als Eigentum des russischen Staates, der sich durch ersatzweise Restitution („restitution in kind“) für Kulturgüterzerstörungen des deutschen Kriegsgegners rechtmäßig entschädigt habe. Der Minister reagiert damit auf eine Mitteilung der Bundesbeauftragten für Kultur, die die Rechtmäßigkeit einer solchen Kompensation abstreitet und die Rückführung verlagerter Kulturgüter als weiterhin aktuell bezeichnet.

Kerstin Holm

Das verbindlich gehaltene deutsche Positionspapier lobt die Rückgaben einzelner russischer Kulturgüter, die als Kriegsbeute nach Deutschland gekommen waren, und insbesondere die gute Zusammenarbeit deutscher und russischer Fachleute bei der Erforschung der Kulturgüter aus Deutschland in russischen Museen und Bibliotheken. Dagegen bezeichnet Medinski die deutschen Ansprüche nicht nur als unverschämt, sondern verortet sie auch im Kontext der gegenwärtigen Kolonialkunstdebatte, um Russland als beispiellos großherzig hinzustellen.

Medinski, ein ausgebildeter Werbemann, ist Minister, weil er es als Hauptaufgabe der Kultur ansieht, Patriotismus und Staatstreue zu stärken, weshalb viele Mitarbeiter von Kultureinrichtungen ihn verachten. Er wiederholt die bekannte russische Rechtsposition in zugespitzter Form. Die Haager Landskriegsordnung von 1907, die Kultureinrichtungen von Kriegshandlungen auszunehmen verlangt und auf die sich die deutsche Seite beruft, wischt er als de facto ungültig vom Tisch, weil die Deutschen schon im Ersten Weltkrieg massiv gegen sie verstoßen hätten. Bis zum Zweiten Weltkrieg habe das Prinzip gegolten, dass dem Sieger zustehe, was ihm in die Hände gerate, behauptet Medinski, der so die Sammlungsgeschichte der Museen Russlands mit denen der Siegermächte Großbritanniens und Frankreichs auf eine Ebene stellt.

Was Lenin schon wusste

Der Minister rechnet noch einmal die horrenden Kulturgüterverluste vor, die Deutsche seinem Land zufügten, von zerstörten Kirchen und Zarenschlössern, den verwüsteten Erbgütern von Leo Tolstoi und Alexander Puschkin bis zu geplünderten Museen und Bibliotheken. Im Vergleich dazu sei die Selbstentschädigung der siegreichen Sowjetarmee äußerst bescheiden ausgefallen, findet Medinski. Er zitiert das Dokument der Restitutionskommission des Alliierten Kontrollrats vom Januar 1946, wonach vernichtete Gegenstände durch Äquivalente ersetzt werden könnten, lässt dabei freilich unerwähnt, dass dies in zu konkretisierenden Einzelfällen praktiziert werden sollte, was für die sowjetische Seite, die sich die Beutekunst pauschal aneignete, nicht in Frage kam.

Der Osteuropa-Historiker Wolfgang Eichwede, der sich in den neunziger Jahren an den Beutekunstgesprächen beteiligte, tadelt rückblickend die Borniertheit der deutschen Seite, die damals stur mit dem Völkerrecht argumentierte, ohne Sinn für ihre historische Verantwortung. Dabei war die russische Seite, nachdem sie die Kunsttrophäen über Jahrzehnte versteckt und verheimlicht hatte, höchst gesprächsbereit. Rückführungen, bei denen die Deutschen den Russen Teilbestände zum Geschenk und Kunstwerke zu Kulturbotschaftern gemacht hätten, wären, so Eichwede, eine Investition in die gemeinsame Zukunft gewesen. Das unterblieb leider.

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