Herz, Heimat, Allah: Eine Reise in die Welt, aus der Annegret Kramp-Karrenbauer kommt

Es war vor einer Kirche. Ein kleiner Nazi, von der SS oder vielleicht der NSDAP, das weiß die Frau, die jetzt erzählt, nicht mehr genau, hatte ihrer Familie den Weg versperrt, wollte sie nicht zur Messe lassen. Der Vater packte den kleinen Mann am Hemd, schlug zu, der Nazi stürzte, der Vater kam ins „Kittchen“. „Das sagen wir so zu Gefängnis“, sagt diese Frau, die von deutscher Vergangenheit erzählt und dazu Bier trinkt. Sie ist in Leopard gekleidet, zierlich, und zieht, während sie spricht, an einem unsichtbaren Kragen, schlägt ihn weg; macht die Bewegungen des Vaters nach. Sie sitzt in einer Bar, in einem Ort, in dem die deutsche Zukunft wohnt, die Vielleicht-Zukunft: Annegret Kramp-Karrenbauer. Das, was die Parteichefin der CDU in Zeitungen, in Mikrofone sagt, ist offiziell, ist klar. Doch was sagt ihr Zuhause über sie, ihr Denken, ihre Welt? Das Leben der Leopardenfrau zeigt einen Ausschnitt daraus, aber später, in dieser letzten Nacht, in dieser Bar, in Püttlingen.

Anna Prizkau

Der erste Tag beginnt mit Kirchtürmen, sie ziehen am Busfenster vorbei, in zehn Minuten ziehen vielleicht vier vorbei. Der Bus hält an. Der Burgplatz. Er ist misslungen wie das Wetter. Ein harter Regen schlägt ins Gesicht. Am Burgplatz keine Burg. Leblos liegt ein zu großer Parkplatz vor Geschäften. Lidl und Rewe und kein Mensch.

Sind alle tot?

Wo sind sie? In der Innenstadt? Vielleicht. Also in die Innenstadt. Die Straßen sind so ordentlich, als ob sie gleich zur Kirche gehen wollten. Auf dem Asphalt keine verrauchten Zigaretten, kein Papier, die Müllbehälter glänzen, im Regen und in Silber, sind leer wie diese Straßen.

Sind alle tot? Ist diese Welt untergegangen? Dieses Apokalypsegefühl ist jetzt im Kopf, denn auf der Fahrt war dieses schwarze Buch, „Das Schicksal der Erde“, ein Sachbuch. Es droht mit einem atomaren Holocaust, macht Angst. Millionen Menschen kauften es, doch das war 1981. 2018 sprach die Noch-nicht-Parteichefin der CDU in der Parteichefin-Bewerbungsrede davon. Denn es ist aus dem Jahr, sagte Kramp-Karrenbauer, in dem sie in die CDU eintrat, in dem die BRD beinah in Endzeitstimmung war. Warum sprach sie von einem Buch über die drohende Apokalypse? Und warum ist sie ausgerechnet in dieser Zeit in die Partei gegangen? Weil sie nicht an Apokalypse glaubte. Vielleicht aber auch, weil sie wusste, wie das Ende der Welt aussieht – wie ihre Stadt.

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