Migrationsexperte: Das Gerede von einer drohenden Invasion aus dem Süden ist Unsinn“

Herr Knaus, Sie sind Vorsitzender der Europäischen Stabilitätsinitiative (ESI) und haben an der Vorlage des EU-Türkei-Abkommens mitgearbeitet. Wie haben sich die Fluchtrouten seit dem Sommer 2015 verschoben?

Wir hatten im Frühjahr 2016 einen dramatischen Rückgang der Zahl der Menschen, die über die Ägäis in die EU gekommen sind. Nach dem EU-Türkei-Abkommen im März fiel diese Zahl von 2000 in den Wintermonaten auf weniger als 100 täglich im restlichen Jahr 2016. Gleichzeitig war 2016 das Rekordjahr im zentralen Mittelmeer, mehr als 181.000 Menschen kamen damals nach Italien. Dennoch gab es, wie das UNHCR auch feststellte, keine „Verschiebung“, denn es waren vollkommen unterschiedliche Menschen, die auf diesen Routen unterwegs waren. Hier: Syrer, Iraker, Afghanen, Pakistanis und Iraner. Dort vor allem Menschen aus Nord und Westafrika, von Nigeria bis Senegal, dazu aus Eritrea. Das Bild eines konstanten „Migrationsdrucks“, der durch Demographie, globale Erwärmung oder Armut stetig wächst und sich je nach Schließung dieser oder jener Route einen neuen Pfad nach Europa sucht, ist irreführend. 

Wie meinen Sie das?

Die Bevölkerung Afrikas hat sich zwischen 1980 und 2010 verdoppelt, doch 2010 kamen weniger Menschen aus Nordafrika mit dem Boot nach Europa als je zuvor: 4400 nach Italien, 3600 nach Spanien, und das im ganzen Jahr 2010. So viele Menschen wurden 2016 manchmal an einem Wochenende nach Italien gebracht. Das hatte 2016 wenig mit neuen Konflikten in Herkunftsländern zu tun, und noch weniger mit dem Nahen Osten. Es war die Reaktion auf die richtige Wahrnehmung, es sei nun möglich, angesichts der Situation in Libyen und der Politik der EU eine lebensgefährliche Reise nach Europa mit Erfolg zu krönen. Als sich Italiens Politik 2017 änderte, fiel auch die Zahl der Ankommenden wieder auf den langjährigen Durchschnitt von vor 2014. Wie Italien dies machte, ist bedenklich, denn nun sind ehemalige Menschenhändler, die Migranten misshandeln, die Partner Europas. Doch dass diese Politik Wirkung zeigte, steht außer Frage. Die Frage ist, wie man die Zahlen der Ankommenden reduzieren kann, ohne mit Folterern zu kooperieren. 

Also gibt es gar keine Veränderungen bei den Fluchtrouten?

Es gibt Entwicklungen auf jeder Route, doch es wäre irreführend, in hydraulischen Metaphern zu denken, vom „Migrationsdruck“ zur „Flüchtlingswelle“ bis zu den „kommunizierenden Röhren“. Ja, wenn sich Geflüchtete bereits in Griechenland befinden und überlegen, auf welcher Route sie am besten weiterkommen, kommt es zu lokalen Verschiebungen: zwischen Ungarn und Kroatien, zwischen Serbien oder Albanien. Tatsächlich stellen wir fest, dass fast jeder, der vor zwei Jahren noch in Griechenland auf dem Festland festsaß und nach Deutschland wollte, dies auch schaffte. Es gibt eine Balkanroute, mit Abweichungen. Was es nicht gibt, ist die eine Mittelmeerroute.  

Gerald Knaus, Vorsitzender der von ihm 1999 gegründeten Denkfabrik Europäische Stabilitätsinitiative (ESI) in Berlin (Archivbild).

Das würde aber doch im Umkehrschluss heißen, dass die Schließung der Balkan-Route durch Österreich und Serbien 2016 gar keinen Effekt gehabt hätte, oder?

Jedenfalls viel weniger, als viele glauben. Ich habe erst im Dezember mit einem irakischen Familienvater in einem Flüchtlingslager in der Nähe von Athen gesprochen. Er hatte 2016 versucht, mit seiner Familie über den Balkan nach Deutschland zu kommen, doch es gelang ihm nicht. Er beschloss, auch wegen der kleinen Kinder, aus Nordmazedonien nach Griechenland zurückzukehren. Doch jeder, der damals mit ihm im Flüchtlingslager in Athen war, ist heute in Deutschland, und auch er wird demnächst als anerkannter Flüchtling zu seinem Bruder nach Stuttgart reisen. Wer Griechenland erreicht und weiter will, der schafft es auch weiterhin über kurz oder lang. Allerdings kommen heute viel weniger Menschen aus der Türkei nach Griechenland.

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