Priester als Quereinsteiger: „Kann man den Ruf Gottes an das Abitur knüpfen?“

Ausgerechnet beim Niederknien zum Beten hat sich Wolfgang Ehrle eine Zerrung zugezogen. So ganz jung ist er mit seinen 45 Jahren eben nicht mehr. Dennoch beginnt er gerade noch mal ganz von vorn: Nach vielen Jahren als Großhandelskaufmann lässt er sich als Quereinsteiger zum Priester ausbilden.

Die katholische Kirche unterhält dafür in dem kleinen Ort Grafschaft in Rheinland-Pfalz nahe der Grenze zu Nordrhein-Westfalen ein spezielles Ausbildungszentrum, das Studienhaus St. Lambert. Es ist deutschlandweit einzigartig.

Der enorme Priestermangel stellt die Kirche vor immer größere Probleme. 2017 wurden in ganz Deutschland nur noch 74 Männer zu Priestern geweiht, im Jahr davor 77. Deshalb wird in letzter Zeit verstärkt mit Plakaten und Flyern um „Spätberufene“ geworben. Der Slogan: „Ruf! Mitten im Beruf: Priester werden ohne Abitur“.

Die vierjährige Ausbildung ist kein staatlich anerkanntes Theologiestudium, man kann keinen Bachelor oder Master machen. Der Kirche aber reicht es. TV-Moderator Eckart von Hirschhausen kommentierte das beim Katholikentag in Münster im vergangenen Mai mit den Worten: „Sie weihen lieber Männer ohne Abitur zum Priester, als sich für gut qualifizierte Frauen zu öffnen.“

Priesteranwärter Wolfgang Ehrle ist glücklich über seine Entscheidung.

Diese Bemerkung ist in St. Lambert natürlich nicht so gut angekommen. „Kann man den Ruf Gottes so einfach an das Abitur knüpfen?“, fragt der als Regens bezeichnete Leiter des Hauses, Volker Malburg. „Oder kann man sagen, man kann auch ohne Voraussetzung für ein Hochschulstudium ein guter Priester sein? Das würde ich immer bejahen.“ Es könne sogar Vorteile für die Arbeit als Seelsorger haben, schon mal einen anderen Beruf ausgeübt zu haben. Eben das ist Voraussetzung, um sich bewerben zu können.

Share

You may also like...