TV-Kritik „Maybrit Illner“: Eiertanz um die Konjunktur

Wirtschaft sei zu fünfzig Prozent Psychologie, so formulierte es einmal der frühere Bundeswirtschaftsminister und Bundeskanzler Ludwig Erhard. Dieser Satz ist ein Klassiker, war aber in den vergangenen Jahren nur noch selten zu hören. Das war gestern Abend bei Maybrit Illner anders. So sprach Manfred Weber (CSU) von diesem Zusammenhang zwischen „Wirtschaft und Psychologie“, um vor dem „Herbeireden einer Krise“ zu warnen. Im Titel der Sendung kam das so zum Ausdruck: „Die fetten Jahre sind vorbei – wofür ist noch Geld da?“

Nun halten Ärzte das Maßhalten nach der Völlerei für eine gute Idee, was sogar schon Erhard während des ungestümen Wachstums der Wirtschaftswunderjahre empfahl. Der Satz von Weber, des Spitzenkandidaten der Europäischen Volkspartei (EVP) bei der Europawahl, beschrieb recht gut die Atmosphäre dieser Sendung. Die Begriffe „Krise“ oder „Rezession“ wurden wie ein rohes Ei behandelt. Niemand wollte ein falsches Wort riskieren, ohne aber die vom Ifo-Präsidenten Clemens Fuest diagnostizierte Konjunkturabschwächung verharmlosen zu wollen.

Für Olaf Scholz (SPD) gehört solche Vorsicht zur Amtsbeschreibung. Ein Bundesfinanzminister ist schließlich auch der einzige Minister, der seine Existenzberechtigung nicht über zusätzliche Ausgaben definiert.

Eiertanz um die Konjunktur

So erlebten die Zuschauer bei Maybrit Illner einen wahren Eiertanz um die Konjunktur. Die Wirtschaftsjournalistin Carolin Roth brachte es in dieser Disziplin zu einer gewissen Meisterschaft. Sie sprach zwar von bevorstehenden „harten Zeiten“, um aber zugleich eine Rezession auszuschließen. Auf die Idee muss man erst einmal kommen, sie ist aber psychologisch nachvollziehbar.

Seit dem historischen Wirtschaftseinbruch von 2009 erlebt dieses Land einen anhaltenden Aufschwung. Das seit der Wiedervereinigung dominierende Krisengefühl bestimmt längst nicht mehr das Bewusstsein der Bürger. So warnte Fuest davor, den „Standort Deutschland als Selbstläufer“ zu betrachten. Er stellte auch die Ausgabenpolitik der vergangenen Jahre auf den Prüfstand. Dort kam sie nur nicht mehr herunter. So vermied Fuest die Forderung nach konkreten Einschnitten in den Sozialetat. Man hätte etwa an die Kürzung der umstrittenen Mütterrente denken können. Das hätte aber nicht zu seiner Argumentation gepasst, den Solidarzuschlag für alle Steuerzahler aus verfassungsrechtlichen Gründen abzuschaffen.

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