Und wer macht die Gartenarbeit? Die Siegener Debatte um Wissenschaftsfreiheit geht weiter

Die Teilnahme an öffentlichen Diskussionen gehört nicht zum Aufgabenkatalog von Gärtnern an einer Universität. Ebenso sind Wissenschaftler von der Verpflichtung zur Gartenarbeit ausgenommen. Beides wäre jedoch zwingende Voraussetzung, wenn die Forderung eines Sprachwissenschaftlers erfüllt werden sollte, der Mitte Januar auf einem Podium an der Universität Siegen scharf mit einem Kollegen ins Gericht ging, der, wie er meinte, zu einer Lehrveranstaltung mit öffentlichem Vortragsprogramm keine Gärtner als Redner eingeladen hatte. Auch die Absenz von Frauen wurde moniert.

Thomas Thiel

Der Vorwurf galt dem Philosophieprofessor Dieter Schönecker, der im abgelaufenen Semester an der Universität Siegen ein vieldiskutiertes Seminar zur Philosophie und Praxis der Redefreiheit abgehalten hatte, in dessen Rahmen auch Thilo Sarrazin und der AfD-Politiker Marc Jongen vortrugen. Der erste Vorwurf ist schnell vom Tisch: Sieben Wissenschaftlerinnen hatte Schönecker eingeladen, alle sagten ab. Dass auf dem von Medien- und Sprachwissenschaftlern organisierten Podium, das erkennbar den Zweck hatte, nachträglich den Stab über einen Kollegen zu brechen, der gegen den politischen Komment verstoßen hatte, ausschließlich Männer saßen, die die Abwesenheit von Frauen auf anderen Veranstaltungen kritisierten, muss nicht weiter kommentiert werden.

Der Gärtner-Vorwurf ist dagegen zutreffend. Wobei man gern erfahren hätte, was Gärtner jedweden Geschlechts eigentlich zu Debatten beitragen sollen, die sich sprachlich nicht weit genug von ihnen abgrenzen können. „Epistemische Schwellen und Wissensasymmetrien in der Entscheidungskommunikation vor Drohnenangriffen“ lautete der Titel eines Vortrags, der unweit des Podiums plakatiert war. Es ist, als würde man jemanden zu einer Party einladen, auf der sich niemand mit ihm unterhält. Der Appell war also nicht mehr als eine scheinsolidarische Geste, die soziale Randgruppen, zu denen Gärtner übrigens nicht gehören, rhetorisch aufwertet, um sie faktisch zu demütigen. Dass Gärtner sich um Gärten kümmern, macht es Wissenschaftlern schließlich erst möglich, ihren Gedanken nachzugehen, ohne vor dem Gang in die Bibliothek das Laub aufkehren zu müssen.

Austreibung der Dämonen

Man könnte das alles für eine Petitesse halten, wäre es nicht symptomatisch für die an den Universitäten um sich greifende Tendenz, Wissenschaft nach politischen und weltanschaulichen Kriterien zu beurteilen. Welcher Platz der Wissenschaft und der freien Entfaltung des Denkens bleibt, ist dann die offene Frage. In Siegen wurde ein klinisch reiner Begriff von Wissenschaft hochgehalten, den man für geeignet hielt, politische Dämonen wie Jongen und Sarrazin von den heiligen Hallen der Wissenschaft fernzuhalten. Das hat allerdings die Kehrseite, alle sich als engagiert verstehenden Geistes- und Sozialwissenschaften aus dem wissenschaftlichen Diskurs auszugrenzen.

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