Warum die Wirecard-Aktie abstürzt

Die Unternehmenszentrale von Wirecard sieht aus wie ein Behördenbau. Schmucklos macht sich der Bürokomplex im Gewerbegebiet von Aschheim breit. Kein Ort zum Herzeigen wie die Frankfurter Türme der Banken, sondern nur ein Platz zum Arbeiten. Wobei die Hauptarbeit des Zahlungsabwicklers derzeit darin besteht, dass eine hektische Menge Menschen versucht, ständig neue Attacken von außen abzuwehren. Die Zentrale des Dax-Konzerns vor den Toren Münchens ist im Moment eine Trutzburg.

Thomas Klemm

Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Wirecard befindet sich im Ausnahmezustand, und das nicht zum ersten Mal. Zwar ist in Aschheim keine Polizeikolonne vorgefahren, um Büroräume zu durchsuchen wie vor einigen Monaten bei der Deutschen Bank in Frankfurt. Aber auch bei Wirecard gab es eine Razzia, am Freitag in der Niederlassung in Singapur. Ein paar Stunden später meldete sich Wirecard-Vorstandschef Markus Braun in der Aschheimer Trutzburg zu Wort und sagte, die ganze Chose werde in Kürze geregelt. Wirecard arbeite mit den Ermittlern in Singapur zusammen, in ein paar Wochen werde wieder Ruhe einkehren.

Die schweren Vorwürfe, die zur Durchsuchung geführt haben, begleiten Wirecard nun seit fast zwei Wochen. Und stets kommen sie von der gleichen Seite. Am 30. Januar berichtete die renommierte englische Wirtschaftszeitung „Financial Times“ (FT) erstmals davon, dass ein Wirecard-Manager in Singapur Konten manipuliert und Dokumente gefälscht habe. Zwei Tage später legte die FT mit ein paar Details nach, in einem dritten Bericht wurden in der vergangenen Woche sogar Namen von angeblichen Mitwissern in der Wirecard-Zentrale genannt. Alles falsch und verleumderisch, dementierte der Dax-Konzern ein ums andere Mal, konnte aber nicht verhindern, dass der Aktienkurs nach jedem FT-Bericht abstürzte. Auch eine internationale Telefonkonferenz am vergangenen Montag beruhigte die Anleger nur vorübergehend.

Richtig sei, dass ein Singapurer Mitarbeiter im April 2018 Bedenken wegen angeblicher Scheinumsätze von 6,9 Millionen Euro in den Jahren 2015 bis 2018 geäußert habe. Doch die Compliance-Abteilung von Wirecard habe Entwarnung gegeben, ebenso wie vorläufig eine beauftragte Anwaltskanzlei. Die FT-Berichte beruhten auf einem frühen Zwischenstand der Untersuchung, hat Wirecard erklärt und juristische Schritte gegen die FT angekündigt.

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